Holle oder große Göttin – Wieso, weshalb, warum?
Mein Weg zur Göttin – als große weibliche Urkraft in uns – begann nicht als fertige spirituelle Überzeugung, sondern als leise Sehnsucht. Es waren Märchen, Bilder, Geschichten von weisen Frauen und später auch die Beschäftigung mit weiblicher Spiritualität, mit alten Traditionen und mit Frauenkreisen, die mich Schritt für Schritt tiefer geführt haben. Schon früh hat mich die Frage bewegt, was Frauen in früheren Zeiten miteinander geteilt haben, wie sie Übergänge im Leben erlebt, Rituale begangen und sich mit den Kräften der Natur verbunden haben.
Im Laufe der Jahre bin ich in Büchern, Meditationen und anderen Erlebnissen vielen Gestalten und Formen der Göttin begegnet. Athene, Isis, Arianrhod, Demeter, Diana, Freya, Brigid, Hekate, Cerridwen, die Morrigan – auch wenn Sie ganz unterschiedliche weibliche Archetypen verkörpern und aus den verschiedensten Kulturen stammen, sie alle haben mir unterschiedliche Facetten derselben großen weiblichen Wirklichkeit gezeigt. Manchmal begegnete mir die Göttin als Weisheit, manchmal als Liebe, manchmal als schöpferische Kraft, manchmal als Dunkelheit, Transformation oder Geheimnis. Immer aber war sie für mich Ausdruck einer lebendigen weiblichen Tiefe, die sich nicht auf eine einzige Form festlegen lässt, die uns aber verspricht, ein tiefes altes Wissen wiederzuentdecken.

Heute verstehe ich die Göttin nicht als bloßen historischen Mythos aus vergangenen Zeiten. Für mich ist sie ein lebendiges inneres und äußeres Prinzip, das ich erlebe und fühle. Sie zeigt sich in den Rhythmen der Natur, in Werden und Vergehen, in den Mondzyklen, in den Jahreszeiten, in Geburt, Reifung, Loslassen und Neubeginn. Sie lebt in Symbolen, in Landschaften, in alten Mythen, in den Erfahrungen von Frauen und in der tiefen Erinnerung daran, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind.
In Holle – der alten, durch Sagen und Märchen lebendig gehaltenen Göttin unserer Heimat hier in Mitteleuropa – verdichten sich für mich viele dieser Facetten auf eine besondere Weise. Ich empfinde sie als die große Göttin unseres Landes, als eine uralte Hüterin der Schwellen, der Naturkräfte und der verborgenen Weisheit, die alle Lebensphasen und ihre Geheimnisse in sich vereint. Sie ist für mich mit Schicksal, Wandel, Tiefe, Intuition und den Geheimnissen des Lebens verbunden. In ihr erkenne ich die verschiedenen Gesichter der Göttin wieder: die junge, die nährende und die weise Alte, aber auch die geheimnisvolle Hüterin jener Räume, in denen Verwandlung geschieht.

Die Göttin bedeutet für mich daher nicht Flucht aus dem Leben, sondern tiefere Hinwendung zum Leben. Sie erinnert mich daran, dass alles zyklisch ist. Dass es Zeiten des Blühens und Zeiten des Rückzugs gibt. Zeiten des Aufbruchs und Zeiten der Dunkelheit. Dass nicht jeder Wandel leicht ist, aber jeder Wandel Sinn tragen kann. Dass Weisheit oft dort wächst, wo wir lernen, dem Leben in all seinen Bewegungen zu vertrauen.
Ich glaube, dass die Göttin auch für viele Frauen heute eine tiefe Bedeutung haben kann. Nicht, weil sie eine neue Rolle vorgibt oder ein festes Ideal von Weiblichkeit erschafft. Sondern weil sie einen inneren Erfahrungsraum öffnet. Einen Raum, in dem Frauen sich wieder mit ihrer Intuition, ihrer Würde, ihrer Sinnlichkeit, ihrer Schöpferkraft, ihrer Wildheit, ihrer Trauer, ihrer Liebe und ihrer inneren Weisheit verbinden können. Die Göttin lädt nicht dazu ein, etwas Fremdes zu werden. Sie lädt dazu ein, sich an etwas zu erinnern, das längst da ist.


Für manche Frauen ist die Göttin eine spirituelle Begleiterin. Für andere ist sie ein Archetyp, ein Bild für innere Prozesse, eine Sprache für das, was sie in sich wahrnehmen. Für wieder andere ist sie vor allem eine Brücke zur Natur, zu den Jahreszeiten, zum Mond, zu Ritualen und zur Erfahrung von Gemeinschaft unter Frauen. All das darf nebeneinander bestehen.
Für mich persönlich war der Weg mit der Göttin über viele Jahre hinweg ein Weg zurück in die Balance. Die Beschäftigung mit ihren Archetypen, mit Ritualen, mit Naturverbindung und zyklischem Leben hat mir geholfen, immer wieder in ein tieferes inneres Gleichgewicht zu finden. Deshalb ist die Göttin für mich nicht nur ein spirituelles Symbol, sondern auch eine Kraft der Erinnerung, der Erdung und der seelischen Rückverbindung.
Vielleicht ruft die Göttin jede Frau auf eine andere Weise.
Leise oder deutlich.
Durch Sehnsucht, durch Krisen, durch Naturerfahrungen, durch Bilder, Träume, Rituale oder das Gefühl, dass es da noch mehr geben muss als das bloße Funktionieren im Alltag.

Wo immer dieser Ruf spürbar wird, kann er ein Anfang sein:
ein Anfang von mehr Tiefe, mehr Verbundenheit und einer lebendigen Beziehung zu sich selbst.
